Das Fest Allerheiligen lenkt unseren Blick ins Jenseits. Es ist ein froher Blick auf eine feiernde Gemeinschaft der Erlösten und Versöhnten. Doch: Wie wird das für uns sein nach dem Tod? Werden auch wir zu dieser feiernden Gemeinschaft gehören, die an Allerheiligen herüberwinkt?
„Wie wird das sein nach dem Tod?“ fragt der Artikel im Kurier, der zum Allerheiligenwochenende erschienen ist. Er zeigt, wie fremd dem modernen Zeitgenossen die theologischen Kategorien geworden sind, die mit „Himmel“, „Hölle“ und „Fegefeuer“ bezeichnet werden. Schon die verbale Verwendung dieser Worte löst bei vielen Menschen eine reflexartige Gegenwehr und vehemente Ablehnung aus. Die gesamte eschatologische Gedankenwelt wird zudem einem kruden Mittelalter zugeschrieben. „Ein moralisch selbst bestimmter Mensch muss das alles ablehnen“, ist darum auch die Schlussfolgerung des genannten Zeitungsartikels vom Wochenende.
Leider verstellen die Bilder vom Feuer und einem Rache nehmenden Gott, die sich im Bewusstsein der Zeitgenossen als Zerrbilder niedergeschlagen haben, die Grundaussagen der katholischen Theologie von den Letzten Dingen. Viele Aussagen in Artikeln und Beiträgen, aber auch im Bewusstsein der Menschen richten sich deshalb gegen die genuine kirchliche Lehre.
Darum möchte ich gerade am Allerheiligenfest einige Worte zu den Glaubensaussagen der Kirche über die Letzten Dingen sagen. Die Kirche spricht nicht vom „Fegefeuer“ - es ist wichtig das zu allem Anfang klar zu stellen - sondern vom „Purgatorium“, vom Ort der Läuterung. Dieser Ort der Läuterung ist notwendig, wenn das zeitliche, konkrete Handeln eines Menschen auch vor dem ewigen Gott relevant bleiben soll, deshalb ist dem Schreiber des Zeitungsartikels nur zuzustimmen, wenn er feststellt: „Der moralisch selbst bestimmte Mensch muss selbst Verantwortung übernehmen für sein Tun und Handeln“. Ich möchte hinzufügen: Ja, hier und jetzt, aber auch drüben und dort vor dem Angesicht Gottes.
Ich glaube mit der Kirche, dass Gott unser irdisches Leben mit unseren Entscheidungen sehr ernst nimmt und anerkennt. Ich glaube darum auch, dass ich - wie jeder - am Ende des Lebens, zum Gesamtkunstwerk meines Lebens stehen darf und muss. Ich glaube, dass es unumstößlich wichtig ist, das irdische Leben im Licht der Wahrheit, die eine Kategorie Gottes ist, zu betrachten. Am Ende wird es da keine Ausreden und Ausflüchte mehr geben können, wodurch sich der Mensch selbst rechtfertigen könnte.
Der Apostel Paulus gebraucht das Bild des Spiegels. Am Ende wird der Mensch sein ganzes Leben wie im Spiegel betrachten. Darin darf er alle guten Seiten sehen, die Talente und Begabungen, die er eingesetzt und genutzt hat. Er wird aber auch die Fehler erkennen müssen, die sein Leben belasten. Das persönliche Versagen wird dem Menschen klar vor Augen stehen. Dieser Blick in den Spiegel, das klare sich selbst Sehen, das nennt die kirchliche Lehre „Reinigung“ von aller Selbsttäuschung und allem Selbstbetrug; - dies ist das Wesen des „Fegefeuers“.
Der Blick in den Spiegel der Seele wird, in menschlichem Empfinden gesprochen, auch schmerzhaft sein. Schon im zeitlichen Erleben ist es nicht leicht, wenn einem der Spiegel vorgehalten wird, und man einsehen muss: „Ja, das habe ich falsch gemacht, das habe ich verschuldet, dafür trage ich die Verantwortung.“ Es kann ein brennendes Gefühl voll Peinlichkeit und eine peinigende Erfahrung sein, in den Spiegel zu sehen, der Realität in die Augen zu schauen und den Blick nicht abwenden zu können. Es kann aber auch ein reinigendes Erlebnis sein, in den Spiegel zu blicken und dabei zu spüren: Der andere nimmt mich dennoch, trotz meiner Fehler, an und kommt mir vergebend entgegen. In solchen Situationen darf sich manches einfach in Tränen lösen, in denen Trauer, Reue und Dankbarkeit zum Ausdruck kommen. Die Zeit für die Versöhnung ist dann gekommen.
Dafür, dass dies nicht nur in der irdischen Lebenszeit, sondern auch in der Ewigkeit – vor Gottes Angesicht – gelingt, dürfen wir beten und die Heiligen bitten, dass sie uns begleiten und helfen, unsere dunklen Punkte anzunehmen und im Gericht Gottes um Vergebung zu bitten.Das ist die Zeit der Läuterung, das Purgatorium – volkstümlich „Fegefeuer“ genannt. Es ist der Weg in die Versöhnung, ohne die es keine ewige Gemeinschaft beim Vater im Himmel geben kann.
Wenn wir annehmen - was gerade die kritischen Menschen fordern – dass Gott unser Leben, unsere Gefühle ernst nimmt und nicht am Ende sagt: „So jetzt bist du versöhnt mit allen.“ Dann muss für diese Gefühle auch Platz sein, dann muss für die Verantwortung Platz sein an der Schwelle der Ewigkeit.
Wie stünde es sonst mit der Verantwortung des SS-Mannes, der hunderte Menschen auf dem Gewissen hat? Kann der einfach am Spiegel seiner Taten, an seinen Opfern vorbei in die Feier der Heiligen gehen, als wäre nichts geschehen? Dies würde die Opfer nochmals töten. Wenn wir die Selbstbestimmtheit und damit die Verantwortung des Menschen nur im Geringsten ernst nehmen, dann wird er drüben ohne Verblendung, ohne Ausflüchte in den Spiegel blicken müssen und erkennen, was er getan hat. Das Bild der Flammen ist da noch harmlos gegen das, was die Seele eines solchen Menschen spüren muss, wenn ihm die Leiden und Qualen seiner Opfer anklagend begegnen und ihre Augen ihn fragend betrachten.
Ich bin überzeugt: Die Kirche hat Recht, wenn sie lehrt, dass es erst einen Weg der Reinigung und Läuterung bedarf, bevor Täter und Opfer gemeinsam am Fest des ewigen Lebens teilnehmen können.
Ja! Das „Fegefeuer“ ist weiter im Bewusstsein der katholischen Kirche, weil in diesem Bild klar wird, dass der Mensch Verantwortung für sein Tun trägt, und Gott diese mit letzter Konsequenz ernst nimmt.
Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Da hat ein Vater den Arzt, dem er den Tod seiner Tochter zur Last legt, gefesselt und verschnürt in einem Gerichtsgebäude abgegeben, damit ihm der Prozess gemacht werden kann. Da wird so viel an geballtem Zorn und unverarbeitetem Leid in einem Menschen deutlich. Sollen all diese Emotionen und Anschuldigungen drüben einfach gegenstandslos sein? Oder muss es nicht doch erst einen Weg geben, auf dem der Täter seine Schuld bekennt und um Vergebung bittet, und das Opfer seine Rachegedanken ablegt? Für beide wird das ein schwerer Weg sein!
Gott ist dabei nicht der Ankläger, das besorgen wir Menschen schon selbst. Gott ist es vielmehr, den wir bitten dürfen, dass er in dieser Konfrontation die Versöhnung ermöglicht. Dass er dem Opfer seine Hände in den durchbohrten Händen seines Sohnes entgegenstreckt und ihm zu vergeben hilft. Und Gott ist es auch, der dem Täter die Kraft gibt, um Vergebung zu bitten, um dann seinem verlorenen Kind, mit Händen, die wie liebevolle Mutterhände sind, entgegenzukommen, damit auch der Täter die versöhnende Umarmung empfängt.
Durch das Feuer der Selbsterkenntnis und die Bitte um Verzeihung hindurch, wird er eingehen können in die volle Gemeinschaft mit Gott. Das nennen wir Himmel.